Wie du ein Bewegungsgefühl für einen aufrechten Sitz entwickelst

Hast du schonmal ein Video von dir beim Reiten gesehen und warst erstaunt, wie weit du dich nach vorne lehnst? Deinem Gefühl nach sitzt du gerade.

Wenn du dagegen denkst, dass deine Schulterblätter schon fast die Kruppe deines Pferdes berühren, verrät dir der Spiegel, dass du so eben gerade sitzt.

Mit dem „richtig Sitzen“ ist es ein bisschen wie beim Telefonieren in einem Raum, in dem du nur in einer Ecke Empfang hast: Du gehst immer in die Ecke, in der du die beste Verbindung zu deinen Gesprächspartner hast. Und wenn du (erst) einmal gefühlt hast, dass du dein Pferd in bestimmten Positionen besser verstehst bzw. fühlst, wirst du immer wieder nach dieser Qualität suchen. Dabei verbessert sich dein Sitz. (Wenn du jetzt denkst, dass du eh nicht gut im Fühlen bist, lies diesen Artikel, er wird dir helfen!)

Aufrecht im Sattel zu sitzen hat viele Vorteile für das dressurmäßige Training:

  • Du klemmst nicht im Oberschenkel und kannst besser mitschwingen
  • Dein Pferd kann sich losgelassener bewegen, weil es einen gut ausbalancierten Rucksack auf seinem Rücken hat, der jede Bewegung mitmacht
  • Dadurch, dass du auf den Sitzbeinhöckern sitzt (und nicht, wie beim nach vorne kippen auf dem Oberschenkel) fühlst besser, wie dein Pferd seine Hinterhand einsetzt (oder auch nicht einsetzt)
  • Du sitzt auch Schrecksituationen sicherer

Die gute Nachricht ist, dass dir ein bestimmtes Bewegungsgefühl beim Reiten nachhaltig helfen kann, nicht mehr nach vorne zu kippen.. (Dehnübungen und Sport, der deine Haltung im Alltag verbessert, schaffen natürlich eine optimale Voraussetzung dafür. In meinem Beitrag „Wie du durch gute Gewohnheiten im Alltag dein Reiten positiv beeinflusst“ findest du mehr Informationen dazu).

Bevor es inhaltlich losgeht, hier noch ein paar Faktoren, die das nach vorne fallen im Sattel begünstigen können. Mit ihnen kannst du besser einschätzen, was noch Einfluss auf deinen Reitersitz nehmen kann:

  • Ein nicht passender Sattel. Liegt der Sattel nicht im Schwerpunkt, ist es für dich unmöglich, im Lot zu sitzen. Und wenn er nicht zu deinem Becken und deiner Oberschenkellänge passt, kann es sein, dass du mechanisch nach vorne gekippt wirst.
  • Viel sitzende Tätigkeit im Alltag. Dein Körper ist in der aufrechten Haltung nicht trainiert.
  • Unsicherheit auf dem Pferd. Unsere Emotionen beeinflussen unsere Körperhaltung. Wenn wir uns ängstlich fühlen, fallen wir nach vorne. Hier hilft es zu überlegen, mit welcher Strategie du deine Unsicherheit überwinden kannst.
  • Ein langer Oberkörper. Der Oberkörper ist wie ein Hebel über dem Pferderücken. Je länger er in Relation zum Pferd ist, desto leichter verliert der Reiter sein Lot.
  • Ein überbautes Pferd. Auf einem überbauten Pferd (die Kruppe ist höher als der Widerrist) sitzt du natürlicherweise abschüssig. Dressurmäßiges über den Rücken arbeiten hilft deinem Pferd, sich besser vorne anzuheben und den Hanken besser zu beugen. Durch das Training kompensiert es das “Überbautsein”. Im Ergebnis kannst du aufrechter sitzen.
  • Die falsche Bügellänge. Ist der Bügel zu lang oder zu kurz, kannst du im Becken nicht frei mitschwingen und fällst nach vorne.

Im Training besser sitzen und besser gymnastizieren

Hier hilft es sehr, sich auf den Bewegungsablauf der Hinterbeine des Pferdes zu konzentrieren. Die folgende Erklärung hat sich in der praktischen Arbeit mit meinen Reitern (und für mich selbst) bewährt. Sieh mir bitte nach, wenn ich etwas nicht anatomisch korrekt benenne und nur die Aspekte herausgreife, die ich für das Bewegungsgefühl des aufrechten Reitersitzes brauche.

Zunächst hilft es, sich bewusst zu machen, dass es beim Skelett des Pferdes zwei Funktionskreise gibt.(Vgl.: Diehl, Maren: Jenseits der Biomechanik. Biotensegrity, S.60ff. ) Einmal einen, der von den Hinterhufen bis zum Kopf reicht. Hier ist alles durch Gelenke miteinander verbunden. Den zweiten bilden die Vorderbeine, die ja nur mit Muskeln, Sehnen und Faszien mit dem Pferdekörper verbunden sind, aber nicht köchern angeschlossen sind.

Um aufrechter zu sitzen hilft es, sich auf den Pferdekörper von den Hinterbeinen bis zum Kopf zu konzentrieren und sich die Vorderbeine gewissermaßen wegzudenken.

Stell dir vor, dein Oberkörper bildet mit den Hinterbeinen des Pferdes eine Einheit wie der kleine Pan auf Ziegenfüßen aus der Mythologie. 

Jetzt kann die Position deines Oberkörpers dir verraten, wie dein Pferd mit seinen Hinterbeinen arbeitet. Bewegt es sich „gut angeschlossen“, das heisst, es nutzt seine Bauchmuskelkette, um das Hinterbein aktiv vorzuziehen und sich in der ersten Hälfte der Stützbeinphase gut unter dem Reiter zu stabilisieren, fällt es dir leicht, aufrecht zu bleiben. 

Der kleine Pan mit Pferdefüßen bewegt sich gut ausbalanciert.

Neigt dein Pferd  hingegen dazu, sich im Rücken festzumachen und in der Unterlinie „durchzuhängen“, schieben die Hinterbeine mehr nach hinten heraus. Würde der kleine Pan sich so bewegen, läge er schnell auf der Nase.

Genauso können wir von oben auf dem Pferd die Veränderung spüren:

Unser Oberkörper kippt nach vorne weg. Wir fangen an, im Oberschenkel zu klemmen, um das Gleichgewicht zu halten. 

Unser klemmender Oberschenkel verhindert, dass das Pferd seinen Brustkorb wieder anhebt und schön über den Rücken geht. Verändern wir unseren Sitz nicht wieder in Richtung aufrecht, erhalten wir gewissermaßen die unerwünschte Haltung des Pferdes.

Unser Körper synchronisiert sich immer mit der Bewegung des Pferdes. (Und umgekehrt.) Genau darin liegt unsere Chance: Wir haben über unseren Sitz jeden Moment die Möglichkeit, das Pferd zu befähigen, gymnastisch sinnvoller zu laufen. 

Pferde reagieren unglaublich fein auf unsere Gedanken. Daher reicht es oft schon, sich vorzustellen, dass dein Pferd wieder so unter dir läuft, dass du nicht nach vorne weggekippt wirst.  

Sei du also zusammen mit den Hinterbeinen deines Pferdes dieser kleine Pan! Und stell dir vor, wie sich dein Pferd hinten bewegen muss, damit ihr euch schön aufrecht bewegen könnt.

Hat dir dieser Beitrag geholfen? Dann freue ich mich, wenn du ihn teilst.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle Reiter und Ausbilder, die ihre inneren Bilder so großzügig mit mir teilen! Durch euch wird mein Unterricht lebendiger und mein Reit-Bild-Katalog, mit dem ich Menschen unterstützen kann, immer größer!

Danke an Herzenshund Fotografie für die schönen Bilder!

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